dokumentaris.ch dokumentaris.ch
Kühe mit Hörnern ziehen durch Schnee an einem dunklen Holzhaus vorbei, Schneefahnen wehen vom Dach.

Bilder der Macht

Was auf Hans Zürchers Bildern nicht vorkommt

Hans Zürcher fotografiert das Appenzeller Brauchtum und hat aufgeschrieben, was er auf seinen Bildern meidet: Gestelltes, den Blick in die Kamera, Siloballen, Fahrzeuge, Touristen. Nach Verantwortung gefragt, nennt er eine. Fast alles Inhaltliche hier stammt aus seinen eigenen Antworten.

Schneegestöber beim Mühlehaus in Teufen, nach den Metadaten der Kamera am 17. Januar 2016. Hans Zürcher hat die Aufnahme nach eigener Angabe unverhofft auf einem Spaziergang gemacht; sie gehört zu seinen Lieblingsbildern. Foto: Hans Zürcher / hanszuercher.ch

Wer zeigt, prägt

Drei Menschen in Appenzeller Tracht treiben eine Herde weisser Ziegen über einen Wiesenweg, darüber steht ein voller Regenbogen mit schwachem Nebenbogen, dahinter Nadelwald, am rechten Rand ein Berghang. Niemand schaut in die Kamera, und das Bild ist eine Totale, kein Ausschnitt. Auf dem Weg liegt kein Siloballen, am Rand steht kein Fahrzeug, und ein Tourist ist auch nicht zu sehen.

Alpabfahrt beim Wasserhöttli; das Datum, 22. August 2026, stammt aus den Metadaten der Kamera und ist nicht überprüft. Hans Zürcher hat dieses Bild für den Beitrag selbst ausgewählt, weil er den Moment seiner Entstehung beschreiben kann. Foto: Hans Zürcher / hanszuercher.ch

Das ist kein Zufall: Es ist eine Regel, und der Fotograf hat sie aufgeschrieben.

Hans Zürcher hat dieses Bild selbst ausgewählt. Auf die schriftliche Anfrage von dokumentaris.ch antwortete er am 23. September 2026 und schickte drei Fotografien mit. Fast alle Angaben über ihn in diesem Text stammen aus seinen Antworten. Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Interview mit ihm führen durften. Mit seinem aufmerksamen Blick und seinem feinen Gespür für Atmosphäre hält er das Appenzeller Brauchtum in eindrücklichen Bildern fest. Darin spürt man seine Verbundenheit mit den Menschen und ihrer Lebenswelt.

«Ich mag keine gestellten Situationen»

Die Regeln stehen alle in einer einzigen Antwort. Gefragt war, was in seinen Bildern nicht vorkomme und ob das Absicht sei; fünf Dinge zählt er auf. Gestellte Situationen mag er nicht, und er ist froh, wenn die abgelichteten Personen nicht in die Kamera schauen. «Kühe ohne Hörner haben es schwer, in meiner Bildergalerie aufgenommen zu werden.» Den Aufnahmestandort wählt er, wenn immer möglich, so, dass keine Siloballen, Fahrzeuge oder Touristen ins Bild kommen. Zuletzt die Sammlung als ganze: «Nah- oder Detailaufnahmen sind in meiner Bildersammlung nicht zu finden.»

Wir lesen das als Auswahlregeln, und das ist unsere Lesart, nicht seine Aussage: Er beschreibt keine Aufnahmegewohnheit, sondern was in seiner Sammlung fehlt, und was fehlt, bestimmt mit, wie eine Gegend aussieht. Ein Vorwurf steckt nicht darin. Auswählen ist die Arbeit jedes Fotografen; ungewöhnlich ist nur, dass dieser seine Regeln benennen kann.

Schneegestöber beim Mühlehaus in Teufen, nach den Metadaten der Kamera am 17. Januar 2016. Hans Zürcher hat die Aufnahme nach eigener Angabe unverhofft auf einem Spaziergang gemacht; sie gehört zu seinen Lieblingsbildern. Foto: Hans Zürcher / hanszuercher.ch

Das zweite Bild, das er geschickt hat, hält sie ein. Bei dichtem Schneefall ziehen braune Kühe mit Hörnern an einem dunklen Holzhaus mit steilem Giebel vorbei, fünf davon klar zu unterscheiden, die Tiere überlappen einander. Keine Menschen, kein Detail, wieder eine Totale. Rechts steht ein Strommast, links ein Holzzaun; beides nennt seine Regel nicht. Die beiden von ihm ausgewählten Bilder veranschaulichen die Regel.

Wie er hinkommt, und wo er aufhört

Angefangen hat er mit allem, was ihm gefiel: Feste im Kollegenkreis, Landschaftsstimmungen, Familienanlässe, Baustellen aus seinem Beruf, Tiere und vor allem Sportwettkämpfe. Das Silvesterchlausen, schreibt er, sei in Teufen fast ausgestorben gewesen und in den 1970er-Jahren im Turnverein wiederbelebt worden. Mit der Kamera begleitete er die Schuppel, die Chlausengruppen, und ging später am letzten Tag des Jahres selbst als Silvesterchlaus mit.

Ihn interessieren nicht nur die Bräuche, sondern auch die Menschen dahinter. Er redet mit Sennen und Bauern über Kühe, Ziegen, Milchpreis und Käse und fragt, ob er sie bei der Arbeit oder auf der Alpfahrt begleiten dürfe. Der Zugang zu den vielen Bauern, die er mittlerweile kennt, sei freundschaftlich und werde geschätzt. Und: «Es gibt auch Älpler, die bei der Arbeit nicht gerne fotografiert werden möchten und dann muss ich das akzeptieren. Ich kann das verstehen und schätze sie trotzdem.»

Von den anderen, die heute mit Kameras kommen, hält er weniger. Die Bräuche selbst hätten sich kaum verändert, das Drumherum schon: mehr Zuschauer, Fotografen und Filmemacher ohne Respekt, Handys, die dem Silvesterchlaus vor die Gesichtsmaske gehalten werden, Drohnen an Alpfahrten und am Bloch. Sie «stören so die Idylle und Harmonie unserer Bräuche».

Wohin die Bilder gehen

Mit der Produktion seiner beiden Kalender begann er anlässlich von Fotoausstellungen, mit dem «Tüüfner» im Jahr 2009 und mit dem «Sennisch» vier Jahre später. Den «Tüüfner» gibt es nicht mehr. Nach 15 Ausgaben hat er ihn vor zwei Jahren zum letzten Mal herausgegeben, wie er im September 2026 schreibt; bei fast 200 Aufnahmen wiederholten sich die abgebildeten Gebiete. Eine neue Ausgabe hält er für möglich, die Nachfrage bestehe.

Der «Sennisch» läuft weiter: in Buchhandlungen, Papeterien, Museen, Souvenirshops und einzelnen Restaurants im Appenzellerland und in der Region St.Gallen, dazu sein Webshop. Die ersten Ansichtskarten produzierte er auf Wunsch zweier Wiederverkäufer seiner Kalender; das Kartenangebot wird laufend erweitert.

Zwei Wege führen weiter hinaus. Vom Ankerschuppel kam eine Anfrage für die Panorama-Fotos auf den Chlausenhauben; er kenne die Chläuse persönlich sehr gut und sei gerne bereit gewesen. Als er die Hauben am Silvestertag zum ersten Mal sah, war er gespannt und freute sich. Und 2014 fragte die Galerie Bruno Bischofberger an, ob er zwei Aufnahmen für das Backcover der Magazine «Artforum» und «Kunstbulletin» verkaufen wolle; er war einverstanden und hat seither immer wieder Bilder vom Appenzeller Brauchtum geliefert.

«Dem habe ich so noch nie nachgedacht»

«Dem habe ich so noch nie nachgedacht.» So beginnt seine Antwort auf die Frage, ob er beim Auslösen daran denke, dass seine Bilder mitprägen, wie das Appenzellerland gesehen wird, und ob er darin eine Verantwortung empfinde. Die Frage setzte diese Wirkung schon voraus. Das ist ein Mangel unserer Anfrage, und er wiegt hier am schwersten, weil diese Antwort den Kern des Beitrags trägt.

Danach nennt er drei Massstäbe. Authentisch sollen die Fotos sein und möglichst frei von störenden Elementen. Die Personen darauf sollen nicht unvorteilhaft aussehen. Und im selben Absatz steht dann doch eine Verantwortung: die traditionellen Bräuche und die Begebenheiten auf den Alpen und Bauernhöfen «so abzulichten, dass Mensch und Tier gefällig dargestellt werden».

Die drei Massstäbe ziehen in zwei Richtungen, und auch das ist unsere Lesart. Authentisch heisst, nicht einzugreifen. Frei von störenden Elementen und gefällig dargestellt, das beschreibt eine Wirkung, die hergestellt wird. Zusammen mit den fünf Regeln aus der anderen Antwort ergibt das ein Bild, das echt ist und ausgewählt zugleich.

Der Nachteil heisst künstliche Intelligenz

An der Digitalfotografie schätzt er, dass er ein Bild sofort beurteilen und später am PC bearbeiten kann, dazu die Menge möglicher Aufnahmen und vor allem die Kostenersparnis gegenüber dem Film. Einen Nachteil nennt er auch: «Nachteilig empfinde ich den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Fotografie. Bei einem guten Bild stellt man sich sofort die Frage, ob da nicht KI im Spiel war.»

Dieser Satz steht nun in einem Beitrag eines Magazins, das mit KI-Werkzeugen arbeitet. Recherche, Entwurf, Schlussredaktion und Prüfung dieses Textes sind maschinell entstanden; die Verantwortung für jeden Satz trägt Reto Wettach. Wie das im Einzelnen läuft, steht im Methodenkasten. Seine Bilder sind davon ausgenommen: Er hat jede Bearbeitung durch KI-Werkzeuge ausdrücklich untersagt, und daran hält sich die Redaktion. Die Bilder hier sind verkleinert und sonst unverändert.

Das Bild, das er nicht gemacht hat

Hans Zürcher, aufgenommen von seiner Frau Margrit Zürcher, nach den Metadaten der Kamera am 4. März 2018. Die Szene ist gestellt: Er spiele hier «spasseshalber einen alten Bauern», schreibt er. In seinen eigenen Aufnahmen lehnt er gestellte Situationen ab. Foto: Margrit Zürcher

Drei Fotografien hat er geschickt. Die dritte zeigt einen weisshaarigen Mann mit Brille, dunkelblauem Fleecepullover und Armbanduhr, der sich mit einem Holzstock in der Hand aus der Öffnung eines verwitterten Holzstalls lehnt, in die Kamera blickt und lacht. Verkleidet ist er nicht; er trägt Outdoor-Kleidung mit Markenlogo. Aufgenommen habe das Bild seine Frau, schreibt er, «als ich spasseshalber einen alten Bauern spielte».

Es ist die einzige der drei Aufnahmen, die gestellt ist, und die einzige, auf der jemand in die Kamera schaut. Beides schliesst er für seine eigenen Bilder aus. Gemacht hat es nicht er.