dokumentaris.ch dokumentaris.ch

Bilder der Macht Bildstrecke

Was am Schluss übrig blieb

Drei Fotos vom Ende eines Festivalwochenendes: der Blick von oben, ein ausgebrannter Holzturm, ein Traktor voller Heimfahrer. Aufgenommen am 29. und 30. August 2004 bei der Ruine Clanx. Ein Jahr später wurde dort zum letzten Mal gespielt.

3 Bilder 384 Wörter

Blick von einem Hang über eine grüne Hügellandschaft mit verstreuten Höfen, gestuften Wiesen und Waldstücken; im Dunst dahinter weitere Hügelketten. Auf einem bewaldeten Grat in der Bildmitte steht der Mauerrest einer Burg mit einem Spitzbogen aus Stein. Rechts unterhalb liegt ein kleines Festivalgelände: eine Bühne mit gelbem Bogendach, weisse Pavillonzelte, eine Reihe bunter Campingzelte und einzelne kleine Figuren auf der Wiese.
Das Festivalgelände unterhalb der Ruine Clanx, vom Hang darüber gesehen. Foto: Reto Wettach / wetta.ch

Von oben ist das Festival kaum zu finden. Die Kamera steht am Hang darüber, und was sie zuerst zeigt, ist Landschaft: gestufte Wiesen, verstreute Höfe, Waldzungen, dahinter der Dunst über den Hügeln. Ein Weg zieht sich als heller Strich durchs Gras. Erst am rechten Bildrand, klein wie Spielzeug, steht das gelbe Bogendach der Bühne, daneben weisse Pavillons und ein Fleck bunter Zelte. Auf dem bewaldeten Grat darüber der Mauerrest der Burg Clanx, ein Spitzbogen aus Stein.

Der Verein hatte das Non-Profit-Festival ein Jahr zuvor gegründet, 2003, und trägt es bis heute ehrenamtlich. Bei der Ruine spielte es dreimal: 2003, 2004 und 2005. Dann setzte es ein Jahr aus, und ab 2007 stand es an einem anderen Ort. Wer dieses Bild ansieht, sieht also ein Gelände, auf dem noch genau ein Festival stattfinden wird.

Das Verhältnis der Grössen ist im Bild schon beantwortet: Die Wiese gehört nicht dem Festival. Sie wird ihm für ein Wochenende überlassen – und irgendwann gar nicht mehr.

Blick senkrecht nach oben aus der Mitte eines Kreises verkohlter Holzstämme. Die Stämme sind längs aufgerissen, ihre Oberflächen tiefschwarz verbrannt und grau verascht; sie laufen von allen Seiten schräg ins Bild und lassen in der Mitte ein Stück blauen Himmel mit weissen Wolken frei.
Aus der Mitte einer ausgebrannten Finnenkerze nach oben. Foto: Reto Wettach / wetta.ch

Das zweite Bild kennt keinen Massstab. Es blickt aus der Mitte einer Finnenkerze senkrecht nach oben: verkohlte Stämme, längs aufgerissen, die wie Säulen einen Kreis Himmel einfassen. Die Kanten sind grau verascht, die Risse gehen tief ins Holz. Wer nicht weiss, dass hier ein Feuer stand, sieht Architektur – und liegt nicht ganz falsch, denn gebaut wurde das Ding ja.

Die Uhrzeit macht daraus etwas anderes als Nachtromantik. Aufgenommen ist das Bild am Sonntagmittag um 12 Uhr 38, das Feuer war längst aus. Vierundvierzig Minuten später entstand der Blick von oben. Zwei Bilder, ein Mittag, dazwischen der Weg den Hang hinauf.

Ein Traktor mit hölzernem Anhänger fährt über eine abschüssige Wiese; auf der Ladefläche sitzen sieben Personen mit Hüten, Kappen und Rucksäcken, von der Kamera abgewandt oder im Halbprofil. Rechts stehen zwei hohe, längs aufgerissene und verkohlte Baumstämme aufrecht im Gras. Dahinter ein weisses Festzelt mit einer hängenden Lichterkette und Holzpfosten. Der Himmel ist grau bewölkt, im Hintergrund liegen Berge im Dunst. Unten links ein voller Abfallsack.
Am Tag nach dem Festival: Heimfahrt auf dem Anhänger, vorbei an den Resten der Finnenkerzen. Foto: Reto Wettach / wetta.ch

Das dritte Bild ist vom Tag danach, Montag, 17 Uhr 07. Der Himmel ist zugezogen. Ein Traktor zieht einen Holzanhänger den Hang hinauf; sieben Leute sitzen auf der Ladefläche, mit Hüten, Kappen und Rucksäcken. Rechts stehen zwei verkohlte Stämme aufrecht wie Pfeiler – dieselbe Bauweise, die das zweite Bild von innen zeigt, hier von aussen und einzeln. Dahinter ein Festzelt, an dem eine Lichterkette ins Leere hängt. Im Gras die Spuren der Räder, unten links ein voller Abfallsack.

Es ist kein Abschiedsbild mit Wehmut. Es ist ein Arbeitsbild: Rückbau, Heimfahrt, Schlamm. Dass es auch ein Abschied vom Ort war, wusste an diesem Montag noch niemand – eine Ausgabe stand hier noch bevor, dann war ein Sommer lang Ruhe auf dem Hügel.