KI-Illustration
Vier menschliche Weltrekorde, sagt der Hersteller. Das Zeitmessverfahren nennt keine der beiden Meldungen
Die zweiten World Humanoid Robot Games in Peking sind vorbei. Geblieben sind zwei Agenturmeldungen, eine Rekordliste des Herstellers und eine Frage, die keine der beiden Meldungen beantwortet: mit welchem Zeitmessverfahren gemessen wurde.
KI-Illustration: Bewegungsstudie eines laufenden humanoiden Roboters, gezeichnet in der Manier einer technischen Konstruktionszeichnung. Kein Bild der World Humanoid Robot Games und kein Bild eines existierenden Roboters. KI-Illustration: Reto Wettach mit generativem Bildwerkzeug
Am Dienstag, 25. August 2026, lief in Peking ein Roboter die 100 Meter in 8,86 Sekunden; gemeldet hat es Reuters, gelesen hat diese Redaktion die Übernahme bei Al Jazeera. Die Maschine heisst «Tiangong Ultra», gebaut hat sie das Beijing Humanoid Robot Innovation Center, und der Lauf war ein Halbfinal der grossen Klasse. Am Eröffnungstag hatte derselbe Roboter noch 9,39 Sekunden gebraucht. Die zweiten World Humanoid Robot Games liefen vom 22. bis 26. August im National Speed Skating Oval. Ein Schlussbericht liegt dieser Recherche nicht vor, und was im Final geschah, sagt keine der geprüften Quellen.
Den Vergleich mit dem Menschen zogen beide geprüften Meldungen, und die erste tat es, bevor der Hersteller sich äusserte. The Standard aus Hongkong, das den Bericht als Reuters-Material führt, titelte am 23. August, chinesische Roboter hätten Usain Bolts Weltrekord über 100 Meter geschlagen. Den Plural erklärt der Bericht selbst: Zwei Maschinen seien im Vorlauf vom Vortag unter Bolts 9,58 Sekunden von 2009 geblieben, «Tiangong Ultra» mit 9,39 und «Lightning» mit 9,47. Zwei Tage später stand dieselbe Rechnung in der Unterzeile bei Al Jazeera: «Chinese robot's timing is seven-tenths of a second faster than the 9.58-second men's world record set by Usain Bolt in 100m.» Verwechselt hat dabei niemand etwas.

Früher an jenem Dienstag hatte sich der Hersteller selbst zu Wort gemeldet. Das Beijing Humanoid Robot Innovation Center teilte mit, seine Tiangong-Roboter hätten bereits vier menschliche Weltrekorde gebrochen, und lieferte die Liste mit: neben dem Sprint 38,15 Sekunden über 400 Meter, 2 Minuten 21,64 Sekunden über 1500 Meter und 2,88 Meter im Hochsprung. Sie steht in genau einer der beiden geprüften Fassungen, der von Al Jazeera; der Bericht von The Standard war da zwei Tage alt und kennt keine der vier Zahlen. In den geprüften Quellen bestätigt die Marken niemand: Es ist die Auskunft eines Herstellers über die eigenen Maschinen, ohne unabhängige Prüfung und ohne Angabe der Bedingungen.
Der Wettbewerb lief nicht ohne Regeln. The Standard nennt einen Vorlauf und schreibt dessen Resultat dem Veranstalter zu, «organisers said»; Halbfinal und Grössenklassen stehen nur bei Al Jazeera. Die Zeiten über 100 Meter ordnet jede Fassung ihrer Runde zu. In beiden Volltexten fehlt das, woraus sich eine Zeit erst lesen lässt: das Zeitmessverfahren, der Bahnbelag, die Fehlstartregel. Ein veröffentlichtes Reglement liegt dieser Recherche nicht vor, und auf ein Regelwerk oder eine Norm beruft sich keine der beiden Meldungen.
Wie der Lauf endete, hält die Fassung bei Al Jazeera fest. «Tiangong Ultra» beendete den Sprint, indem er gegen die dicke Matte prallte, die hinter der Ziellinie liegt und die Maschinen aufhalten soll. Durch den Aufprall brach er zusammen, danach erschien ein kleines Feuer in seinem Rumpf; woher es kam, sagt die Quelle nicht. Über den zweiten Halbfinal desselben Tages steht dort ein einziger Satz: «In the other semifinal, a robot disassembled mid-race.» Vom Vorlauf drei Tage zuvor berichtet The Standard: «Tiangong» taumelte nach der Matte in den Seitenraum, «Lightning» wurde auf einer Bahre weggetragen.
Gegen die Skepsis dieses Textes spricht der Fortschritt. An den ersten Games im Vorjahr gewann derselbe Roboter die 100 Meter in 21,50 Sekunden; ein Jahr liegt zwischen 21,50 und 8,86. Auf der Langstrecke steht es ähnlich: «Lightning won this year's humanoid half-marathon in 50 minutes and 26 seconds, faster than the pace of the elite men's human world record», schreibt The Standard. Ein Jahr zuvor brauchte «Tiangong» für den ersten Humanoiden-Halbmarathon in Peking nach Angaben von Al Jazeera noch «an amateur-level time of 2 hours 40 minutes». Anderer Roboter, anderes Jahr, und die Bedingungen nennt auch hier keine Meldung.
Ein Zeuge kommt in der Fassung bei Al Jazeera zu Wort, und er braucht keine Zeitmessung. «Reading that a motor-powered robot can run faster than a human is one thing», sagt Li Hui, 26, Ingenieur beim Tischtennis-Team der Fudan-Universität. «Seeing it rush past you during training is completely different. You realise how impressive it is.» Belegt ist damit sein Eindruck. In welchem Verhältnis er zum Anlass und zu den Herstellern steht, sagt die Agentur nicht; ausgesucht hat sie ihn selbst.
These, und ausdrücklich nicht mehr als das: Wann laufen uns in der Multergasse die ersten Humanoiden entgegen? Der Weltverband der Robotikindustrie nennt für Japan Bildungseinrichtungen, Läden und Altersheime, in denen humanoide Sozialroboter im Einsatz sind, gebaut für den Umgang mit Menschen und nicht für die Bahn, auf der in Peking angetreten wurde. Sein Präsident hielt im August 2025 den Bedarf nach einem schnellen, universellen Helfer für Fertigung und Dienstleistungen für offensichtlich, das Ob und Wann einer Massenverbreitung für ungewiss. Aus Peking belegt ist eine Zeit, deren Messverfahren keine der beiden Meldungen nennt. Wer daraus ein Datum ableitet, rät.